Neulich habe ich hier über unsere liebsten Tagesausflüge geschrieben. Was ich dabei unterschlagen habe: Bei uns liegt seit Jahren ein Jassteppich und ein Kartenset im Kofferraum. Angefangen hat das mal auf einer Wanderung, als uns ein Gewitter in eine Beiz gezwungen hat. Seither gilt bei Schlechtwetter Plan B, und der heisst spielen. In letzter Zeit immer öfter auch ganz ohne Ausflug, einfach am Küchentisch. Und offenbar geht das nicht nur uns so.

Jassen: das Nationalspiel, das nie weg war
Man kann über die Schweiz sagen, was man will, aber bei den Karten sind wir uns einig. Jassen ist hierzulande so dominant, dass es andere Kartenspiele praktisch verdrängt hat, die NZZ hat der Geschichte dieses Spiels ein lesenswertes Stück gewidmet. Das Bundesamt für Kultur führt das Jassen sogar im Inventar der lebendigen Traditionen. Die mit Abstand beliebteste Variante ist der Schieber, gefolgt vom Differenzler, bei dem man vor jeder Runde ansagt, wie viele Punkte man machen wird. Klingt simpel, ist es nicht. Ich verliere beim Differenzler zuverlässig gegen meinen Schwiegervater, der die Karten gefühlt riechen kann.
Die Klassiker auf dem Brett
Neben den Karten hat sich bei uns eine kleine Sammlung an Brettspielen angesammelt. Eile mit Weile ist der Schweizer Klassiker schlechthin, praktisch jede Familie hat irgendwo eine Ausgabe im Schrank, oft noch von den Grosseltern geerbt. Dazu kommen bei uns die üblichen Verdächtigen: Catan für lange Abende, Codenames, wenn Besuch da ist, und UNO, wenn die Nerven noch jung genug sind. Was ich unterschätzt hatte: Wie schnell aus einer Runde zwei Stunden werden, wenn das Handy mal in der Schublade liegt.
Warum der Spieleabend gerade jetzt ein Comeback feiert
Ich habe eine Theorie, und die ist ziemlich unromantisch: Es ist das Geld. Ein Abend zu viert im Restaurant mit anschliessendem Kino kostet in der Schweiz schnell mal 200 Franken. Ein Spieleabend kostet eine Packung Chips und vielleicht eine Flasche Wein. Dazu kommt, dass man sich beim Spielen tatsächlich unterhält, statt nebeneinander auf eine Leinwand zu schauen. Und ganz ehrlich: Nach einem Tag, an dem ich ohnehin ständig auf Bildschirme starre, ist ein Abend mit Karten in der Hand fast schon Erholung.
Das heisst nicht, dass wir nur noch zuhause hocken. Die Tagesausflüge bleiben fest im Programm. Aber die Mischung hat sich verschoben, und das fühlt sich gerade ziemlich richtig an.
Vier Tipps für einen Spieleabend, der nicht im Streit endet
- Regeln vorher klären: Nichts killt die Stimmung so zuverlässig wie eine Regeldiskussion in Runde drei. Beim Jassen gilt: Zuerst einigen, welche Variante gespielt wird und ob mit oder ohne Stöck-Ansage.
- Kurze Spiele zuerst: Mit einem schnellen Kartenspiel warmwerden, das grosse Brettspiel erst danach. Wer mit einem Drei-Stunden-Epos startet, verliert die Hälfte der Runde nach zwanzig Minuten.
- Handys weg: Klingt streng, macht aber den ganzen Unterschied. Bei uns liegen sie gestapelt auf der Kommode, wer zuerst danach greift, räumt am Schluss auf.
- Verlieren üben: Der wichtigste Punkt. Es ist ein Spiel. Wer das nicht kann, dem empfehle ich Differenzler gegen meinen Schwiegervater, das lehrt Demut.
Fazit
Der Spieltrieb steckt in uns allen, und man braucht dafür weder viel Geld noch grosse Pläne. Ein Jassteppich, ein Kartenset und Leute, die man mag, reichen völlig. Falls du selbst wieder einsteigen willst: Der Schieber ist der beste Startpunkt, die Regeln sind schnell gelernt und Mitspieler finden sich in der Schweiz bekanntlich immer.